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Evangelische Kirche von Marokko: Kirche mit anderen

Hans-Joachim Schwabe und Samuel Amedro

Ein aktueller Bericht von Pfarrer Samuel Amedro

In ihrer mehr als 100jährigen Existenz hat sich in der Evangelischen Kirche von Marokko sehr viel verändert. Sie wurde durch europäische Reformierte aus Frankreich und der Schweiz gegründet. Davon existieren noch einige sehr alte Familien, die mehr oder weniger groß und mehr oder weniger über das Land verteilt sind. Wir hatten geglaubt, dass die Kirche von Marokko mit dem Aussterben dieser Familien nach und nach verschwinden würde. Aber Gott hat anders entschieden. Schon in den 90er Jahren sind Studenten aus der Subsahara nach Marokko gekommen, in der Hoffnung, höhere Diplome zu erwerben oder eine Möglichkeit zu finden, nach Europa zu gelangen. Dank dieser Studenten wurde die Kirche wiedererweckt, und seitdem wird sie jeden Tag ein wenig größer. Seitdem besteht unsere Kirche zu ¾ aus Studenten. Die meisten sind nur für zwei oder drei Jahre hier, was bedeutet, dass wir fortwährend neue Gemeindeglieder bekommen, und das macht es auch schwierig, langfristig zu planen. Einige sind hiergeblieben, haben geheiratet und haben Arbeit gefunden. Sie bilden das Leitungsteam unserer Kirche. Etwa seit dem Jahr 2000 gelangen Migranten und Flüchtlinge zu uns, die davon träumen, nach Europa zu kommen. Sie flüchten vor dem Krieg, dem Elend oder den Diktaturen in ihren Ländern. Jede Krise in Afrika führt zu immer mehr Flüchtlingen in Marokko, die meisten haben keine Aufenthalts- und keine Arbeitserlaubnis ("Sans Papiers"). Bei der letzten Gruppe schließlich, die hier einreist, handelt es sich mehr und mehr um "medizinische Touristen": Kranke aus ganz Afrika kommen nach Marokko, um sich behandeln zu lassen. Aus all diesen Gruppen setzt sich die Evangelische Kirche von Marokko zusammen, eine Kirche vorwiegend junger Leute - 72% sind weniger als 30 Jahre alt, die aus mehr als 40 unterschiedlichen Staaten kommen, und die aus der ganzen Breite des evangelischen Glaubens, von den historischen lutherischen und reformierten Kirchen bis zu den Pfingst- und Erweckungsgemeinden stammen, die aber vor allem alle Tendenzen evangelikaler und baptistischer Art abdecken.

Hier in Marokko sind wir alle Migranten, vor dem Hintergrund, dass die offizielle Kirche keine Mitglieder aus Marokko hat und somit fast ausschließlich aus Ausländern besteht. Daher ist es schwierig auseinanderzuhalten bzw. zu wissen, wer sich bei uns mit einem Aufenthaltstitel befindet und wer nicht. Das herauszufinden ist nicht unsere Aufgabe, und es interessiert uns auch nicht, wer einen Aufenthaltstitel hat und wer nicht. Wir glauben dagegen, dass die Liebe Jesu Christi sie uns schickt, um die wieder aufzurichten, die sich am Boden befinden. Deshalb weigern wir uns, über die Träume der Zugereisten zu entscheiden: Wir sind nicht dazu da, für sie zu denken oder gar zu versuchen, sie zu überreden, ihr Ziel aufzugeben. Sie sind hier, und wir wollen nur helfen, sie wieder aufzurichten, wenn sie verletzt und ramponiert sind. Wir wollen mit ihnen die wenigen Mittel teilen, die uns gehören, damit sie in der Kirche einen Platz oder einen Menschen finden, der sie nicht verurteilt und der sie nicht auffordert, ihre Vorstellungen zu rechtfertigen. Wir sind hier zusammen und teilen mit ihnen ein wenig den Weg, von dem wir erhoffen, dass er erleuchtend und stärkend sein wird.

Wir müssen uns bewusst machen, dass Europa seine Ängste und Sicherheitsbedürfnisse nach Marokko exportiert und outsourct. Durch eine Politik, die eindeutig repressiv ist, indem es sich weigert, Visa auszustellen, zeigt sich, dass Europa Angst hat. Deshalb bezahlt Europa jedes Jahr sehr teuer mit Millionen von Euros  die Ruhe und den Traum der  Sicherheit. Dieses Geld dient dazu, die Grenze durch die Polizei zu blockieren und andererseits Marokko zu zwingen, die Migranten bei sich aufzunehmen, die durch die europäischen Länder ausgewiesen werden. Indem Europa das tut, ist es sich nicht bewusst, dass es denselben Traum der Sicherheit mit den Migranten teilt. Auch sie haben Angst, auch sie träumen von der Sicherheit, und auch sie bezahlen das sehr teuer. Das, was Europa nicht sehen will, ist dass die Mauern nicht bis zum Himmel gehen können. Man kann nicht ungestraft Rohstoffe, Geld und Gehirne passieren lassen und Personen, die man nur deshalb nicht haben will, weil sie zu arm sind, abweist

Wir werden oft gefragt, was die Kirche noch mehr tun oder besser machen könnte. Tatsächlich spielt sich dies nicht im Machen sondern im Sein der Kirche ab. Eins der wichtigsten Merkmale des Seins der Kirche  ist die Universalität. Entweder ist die Kirche Jesu Christi universal, oder es gibt sie nicht. Sie kennt keine Grenze in der Zeit und nicht im Raum. Wir sind zueinander solidarisch und Glieder ein und desselben Körpers. Das kennzeichnet das, was wir hier in unserer ganz kleinen und unbedeutenden Ev. Kirche in Marokko leben, konfrontiert mit Fragen, die uns überragen. Das müsste eigentlich direkte Auswirkungen auf das haben, was in den großen offiziellen Kirchen des alten Europas gelebt und gepredigt wird.

Verfasser: Samuel Amedro

Übersetzer: Hans-Joachim Schwabe